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Wenn das Leben anklopft

  • thomasoberle8
  • 12. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Es war ein Sonntagmorgen, als Sabine ihren Kaffee abstellte und sagte: „In zwei Monaten zieht unsere Tochter aus. Und ehrlich gesagt macht mir das Angst.“Thomas blätterte weiter in der Zeitung. „Ist doch normal. Irgendwann gehen die Kinder eben.“ Sabine schaute ihn irritiert an. „So einfach ist das für mich nicht.“Thomas seufzte. „Jetzt mach doch kein Drama daraus. Wir haben doch endlich wieder mehr Zeit für uns.“

Ein paar Wochen später sassen sie sich abends schweigend gegenüber. Sabine fühlte sich leer und nutzlos, Thomas genervt und unverstanden.„Du bist dauernd gereizt“, platzte es aus ihm heraus. „Ich weiss gar nicht mehr, was ich richtig machen soll.“„Weil du überhaupt nicht verstehst, was gerade mit mir passiert!“, antwortete Sabine mit zitriger Stimme. Was als neues Kapitel hätte beginnen können, wurde plötzlich zur Belastungsprobe für ihre Beziehung.

 

Das unterschätzte Lifeevent

Zusammenziehen, Heirat, Geburt, berufliche Veränderungen, Umzug, Krankheit, Pensionierung oder das Ausziehen der Kinder – all diese Ereignisse, und andere mehr,  nennt man Lifeevents. Sie verändern den Alltag, die Rollenverteilung und oft auch das Selbstbild eines Menschen.

Das Problem: Viele Paare bereiten sich auf diese Übergänge kaum vor. Sie gehen davon aus, dass „sich alles schon einpendeln wird“. Doch genau darum entstehen Spannungen. Während ein Partner nach vorne blickt, hängt der andere innerlich noch im alten Lebensabschnitt fest.

Sabine trauerte um ihre Rolle als aktive Mutter, während Thomas die neue Freiheit geniessen wollte. Beide erlebten die Situation auf ihre Weise, doch sie sprachen nicht darüber.


Die eigentliche Herausforderung

Lifeevents wirken wie ein Vergrösserungsglas: Ungesagte Erwartungen, alte Verletzungen und unterschiedliche Bedürfnisse treten plötzlich zutage. Thomas hatte nie gelernt, über Gefühle zu sprechen. Für ihn bedeutete Pensionierung oder Veränderung vor allem Organisation und Fakten. Sabine hingegen erlebte diese Phase emotional. Mit Verlustgefühlen, Unsicherheit und der Frage nach dem eigenen Wert. Ohne Vorbereitung prallen diese inneren Welten aufeinander. Nicht aus bösem Willen, sondern aus Unwissen.

 

Vorbereitung statt Streit

In der Paarberatung erlebe ich, wie entlastend es für Paare ist, vor einem grossen Lebensereignis innezuhalten und sich Fragen zu stellen:

  • Was könnte sich für jeden von uns verändern?

  • Wovor habe ich Angst, worauf freue ich mich?

  • Welche Unterstützung wünsche ich mir vom anderen?

Hätten Sabine und Thomas früher darüber gesprochen, hätte Thomas Sabines Rückzug nicht persönlich genommen. Und Sabine hätte verstanden, dass der Pragmatismus von Thomas kein Mangel an Mitgefühl war, sondern seine Art, mit Veränderung umzugehen.

 

Der Blick eines Paarberaters

Beziehungen scheitern selten an den grossen Ereignissen selbst – sie scheitern daran, dass Paare unvorbereitet hineinstolpern. Lifeevents lassen sich nicht verhindern, aber man kann sich innerlich und gemeinsam darauf einstellen.

Paare, die solche Uebergänge bewusst gestalten, entwickeln oft eine tiefere Verbindung. Sie lernen, sich nicht nur im Alltag, sondern auch in Umbruchphasen als Team zu erleben. Eine stabile Beziehung entsteht nicht dadurch, dass alles gleich bleibt, sondern dadurch, dass beide Partner bereit sind, sich gemeinsam zu verändern. Vorbereitung bedeutet nicht Kontrolle – sondern gegenseitiges Verständnis. Und genau das macht in herausfordernden Lebensphasen den entscheidenden Unterschied.


Paarspektive.ch | Paarberatung | Thomas Oberle

 
 
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